Ausgangspunkt ist häufig ein unverarbeitetes Trauma, das zu dysfunktionalen inneren Schemata führt – etwa Hilflosigkeit, Ohnmacht, Einsamkeit oder Versagen. Diese Schemata prägen das Selbstbild und können Symptome wie Flashbacks, Panikattacken, depressive Episoden oder belastende Albträume aufrechterhalten.
IRRT setzt darauf, diese inneren Bilder zu verändern und Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Die Methode kombiniert Elemente aus Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, Expositionsverfahren, Hypnose, Psychodrama und tiefenpsychologischen Ansätzen, bleibt jedoch eigenständig, da sie konsequent mit imaginativen Prozessen arbeitet.
Der therapeutische Prozess in drei Phasen
1. Exposition in sensu
Die Patientin oder der Patient taucht mit geschlossenen Augen in den inneren Film ein und schildert das traumatische Ereignis in der Gegenwartsform. Ziel ist die emotionale Aktivierung der Erinnerung, begleitet vom Therapeuten, der Halt gibt und Belastungsgrade abfragt.
2. Täterkonfrontation und -entmachtung (oder „Verursacherkonfrontation")
In der belastendsten Szene tritt das heutige Ich in die Situation ein. Auf einer symbolischen Ebene wird der Täter oder Verursacher überwältigt, entmachtet oder – je nach Kontext – versöhnt oder neutralisiert. Dies stärkt das Empfinden von Selbstwirksamkeit und Überlegenheit gegenüber dem Täter. Bei manchen Traumata entfällt diese Phase, etwa bei Naturkatastrophen oder Unfällen.
3. Förderung von Selbstfürsorge
Das heutige Ich wendet sich dem damaligen, verletzten Ich zu. Es geht darum, innere Bilder von Trost, Schutz und Fürsorge zu entwickeln. Blockaden wie Selbsthass oder Misstrauen können diese Phase erschweren, werden aber durch gezielte Interventionen – etwa direkte Ansprache oder Fokussieren auf Blickkontakt – bearbeitet. Ziel ist, die Beziehung zum eigenen verletzten Anteil nachhaltig zu verändern.
Abgeschlossen wird jede Sitzung mit einer Nachbesprechung. Die Patientin oder der Patient erhält die Audioaufnahme zur Vertiefung des Prozesses.
Wirksamkeit und Anwendungsbereiche
IRRT wurde ursprünglich für komplexe Traumata (Typ 2) entwickelt, etwa wiederholten Missbrauch. Mittlerweile wird es auch erfolgreich bei Einzelereignissen (Typ 1) eingesetzt, wie Unfällen oder Überfällen. Darüber hinaus zeigt das Verfahren positive Effekte bei Depressionen, Angststörungen und komplizierter Trauer. Studien – unter anderem mit Bundeswehrsoldaten – zeigen eine Wirksamkeit, die mit EMDR vergleichbar ist, teils mit besseren Ergebnissen hinsichtlich kognitiver und emotionaler Schemata.
Auch im seelsorglichen Kontext kann IRRT hilfreich sein, wenn Therapeutinnen und Therapeuten gut geschult sind. Spontan auftretende innere Helferfiguren, etwa Engel oder Christusgestalten, können hierbei eine unterstützende Rolle einnehmen und Selbstwert sowie Selbstwirksamkeit fördern.
Voraussetzungen für den Einsatz
Eine sorgfältige Diagnostik, eine stabile therapeutische Beziehung und eine fundierte Ausbildung sind essenziell. Auch wenn IRRT gut erlernbar ist, erfordert die Arbeit mit schweren Traumata Genauigkeit, Erfahrung und Supervision.
Abschließend lässt sich festhalten, dass IRRT ein wirkungsvolles, strukturiertes und zugleich flexibles Verfahren ist, das innere Bilder transformiert, Selbstheilung aktiviert und Betroffene in die Lage versetzt, traumatische Erfahrungen neu zu bewerten und integrativ zu verarbeiten.
Autor: Dr. med. Rolf Senst, Chefarzt in der de'ignis-Klinik in Egenhausen im Schwarzwald, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychotherapeutische Medizin sowie spezielle Psychotraumatherapie (DeGPT).
